LEHMHAUS MITTERRETZBACH | 2009

Kulturpreis nö 2016. architektur (auszug aus katalogtext)

........ bemerkenswertist es daher, wenn sich ein heutiger Architekt eines Streckhofes annimmt und diesen behutsam aber entschieden in unsere Zeit überführt. Das Haus stammt aus dem 18. Jahrhundert und wurde aus Lehm errichtet, ....... Diese wunderbare Substanz ist immer da, sie liegt buchstäblich unter unseren Füßen. Die Urväter bauten aus diesem Lehm ihre Häuser. Andreas Breuss zeigt mit seinem Lehmhaus, dass dieser schwere Baustoff mit seinen guten Wärmespeichereigenschaften, der ganz ohne Kunststoffe und Zement auskommt, auch für heutige Lebensweisen optimal ist. Mit einigen gekonnten Interventionen, wie dem Absenken des Fußbodens oder dem Einziehen einer neuen Decke aus unbehandelten sägerauen Kieferbrettern, entstand eine untrennbare Einheit aus Alt und Neu........ Die Arbeit von Andraes Breuss beherzigt damit endlich die Aufforderung von Adolf Loos, dass Veränderungen der alten Bauweisen nur dann erlaubt seien, wenn sie auch eine Verbesserung bedeuten. Dieser Nachweis wurde in Mitterretzbach erbracht. (Text: Klaus Jürgen Bauer)

Projektbeschreibung :

Vor ca 150 Jahren sind Lehmhäuser aus Not und Armut mit Materialien entstanden, die in der Natur verfügbar waren. Lehm, Steine, Kies, Stroh und Zweige bilden die Grundsubstanz der unzähligen noch erhaltenen Lehmhäuser in den Straßendörfern Niederösterreichs.

Diese zum großen Teil noch erhaltenen Gebäude bieten großes Potential für eine Transformation zu modernem und zeitgemäßem Wohnen. Mehr noch: sie können neue, herkömmlich gebaute Einfamilienhäuser in ihrer Qualität sogar übertreffen.

Um die positiven Eigenschaften dieser dicken Lehmmauern nutzen zu können, dürfen ausschließlich natürliche Baustoffe verwendet werden. Sie müssen diffusionsoffen sein, müssen kapillar leitfähig sein, dürfen den Feuchteaustausch nicht bremsen oder unterbinden und sollen so gewichtig sein, dass sie die riesige Wärmespeichermasse des Lehms nicht schwächen.

FAKTEN:

  • Planungsbeginn: 2005
  • Baubeginn: 2007
  • Fertigstellung: 2009
  • Grundstücksfläche: 1500 m2
  • Wohnnutzfläche: 120 m2

CREDIT:

  • Fotos: Astrid Bartl, Retz.

Abdichtungen, chemische Imprägnierungen, Oberflächenversiegelungen, Betonestriche, künstliche Dämmstoffe: das ist alles nicht nötig. Wenn Feuchtigkeit in den Raum kommt, wird sie vom Lehm aufgenommen. Was in der herkömmlichen Bautechnik mit Einsatz von Chemie und Erdöl ferngehalten wird, nimmt dieses Haus dankbar auf, und gibt es zur Verbesserung des Raumklimas weiter. Eine für den Menschen gesunde konstante Raumfeuchte kann ganz ohne Einsatz von Technik im Sommer und im Winter gehalten werden. 

Höhere und hellere Räume werden ohne starke Eingriffe in die Bestandsstruktur behutsam zum Beispiel durch das Absenken des Bodens oder dem Abbruch der Parapete erzeugt.

Die dicken Lehmwände garantieren,  dass die sommerliche Überhitzung sehr viel langsamer passiert. Kühle Räume auch an heißen Sommertagen sind ohne Einsatz von Energie leicht zu haben.

 

.......dieses "Musterhaus" in Mitterretzbach hat den Anstoß für Weiterentwicklungen und neue Experimente gegeben. Das reicht von geförderten Forschungsprojekten für ein neues Holz-Lehm Bausystem bis zu Anwendungen im Flach- und Geschossbau.........
ANDI BREUSS