FAMILIENHAUS ETSDORF | 2016

Holzbaupreis Niederösterreich 2016 (JURYTEXT)

Ein altes, bestehendes Einfamilienhaus in Ziegelbauweise im einsamen Grünland wurde adaptiert und mit einem zweigeschossigen Zubau in Holz für eine große Familie erweitert. Die Verwendung von Baumaterialien wie Holz, Lehm und Stroh zeugt von einem äußerst konsequenten Umgang mit natürlichen Ressourcen. Die offene, dreidimensional entwickelte Fassade aus unbehandelten Lärchenlatten gibt dem Zubau trotz seiner Größe eine spielerische Leichtigkeit. Raffiniert zu öffnende Klapp - und Faltläden vor den Fensteröffnungen machen die Außenhaut zusätzlich wandelbar.

PROJEKTBESCHREIBUNG

In einem parkähnlichen Grünland, das sich inmitten eines landwirtschaftlichen Gebietes befindet, steht an der Bahntrasse Wien – Krems ein altes Ziegelhaus aus den Anfängen des letzten Jahrhunderts. Dieser Altbestand sollte für generatiionenübergreifendes Wohnen und Arbeiten saniert und erweitert werden.

FAKTEN

  • Planungsbeginn: 2012
  • Baubeginn: 2014
  • Fertigstellung: 2015
  • Grundstücksfläche: 3350 m2
  • Nutzfläche: 350 m2

CREDITS

  • Mitarbeit: DI Edith Schroll, Jack Huang
  • Bauaufsicht: BM Johannes Honeder
  • Fotos: Astrid Bartl, Retz.
Die feingliedrige Holzfassade mit den schlanken Lärchenstäben fügt sich zum einen harmonisch in die gewachsene Busch- und Baumlandschaft, und zum anderen wirkt sie wie eine Lärmschtuzwand gegen vorbeifahrende Züge.
Andi Breuss

Die Baumaterialien werden direkt der Natur entnommen: Holz, Lehm und Stroh haben als unbehandelte Baustoffe hohe sinnliche Qualitäten. Natürlicher Geruch, haptische und taktile Sinnlichkeit und lichtstreuende Oberflächen, die den Nutzer und die Architektur in ein warmes und schönes Licht tauchen prägen die Architektur.

Natürliche Baustoffe sind aber nicht nur sinnstiftend, sondern werden in einer innovativen Weise auch bautechnisch eingesetzt. So wird dem tragenden Holzriegelbau, eine schützende Lehmschicht verpasst, die bauphysikalische Funktionen wie etwa Schall- und Brandschutz, sowie die Luftdichtigkeit im Inneren übernehmen kann.

Gedämmt wird mit 35 cm dicken Strohballen, die ein Bauer auf einem benachbarten Getreidefeld nach Angaben des Planers hergestellt, geprüft und anschließend auf die nur 5 km entfernte Baustelle gebracht werden. Der hohe ökologische Vorteil liegt neben der Verwertung von landwirtschaftlichen Abfallprodukten vor allem in der Vermeidung von Herstellungs- und Transportenergie. Raumklimatisch betrachtet hat man eine natürliche Dämmung, die diffusionsoffen, chemiefrei und schallabsorbierend ist.

Der dicke Lehmputz mit ca 4 cm wird direkt auf die Strohballen aufgetragen und erfüllt nicht nur technische sondern vor allem auch positive raumregulierende Funktionen, wie etwa eine konstante Feuchtigkeit im Raum, oder eine hohe Wärmespeicherkapazität, die unmittelbar der Behaglichkeit und Gesundheit der Nutzerin zugute kommt. Zudem wirkt die feinstrukturierte Oberfläche des Lehmputzes positiv auf die Raumakustik und die Lichtstreuung.

Diesen positiven Raumeinfluss vermag auch der von mir entwickelte Lehmestrich mit Fußbodenheizung zu leisten. Diese innovative Entwicklung hat einen hohen ökologischen Nutzen, denn einerseits können umweltbelastende Betonbaustoffe vermieden werden, und zum anderen entfällt das Verkleben des Holzbodens, das beim herkömmlichen Zementheizestrich notwendig ist. Gewinner sind neben der Umwelt die Bewohner, die ohne Schadstoffe leben können.